Alkohol im Supermarkt: Die Welt wird sich für dich nicht ändern

Ich balanciere noch nicht allzu lange trockenen Fußes durch mein Leben und bin immer wieder erstaunt darüber, welche Challanges das Leben bereit hält – natürlich und ganz besonders  im Supermarkt. Nicht nur als nasse Alkoholikerin war es oft allzu bequem sich in der Opferrolle zu aalen: „Ich habe es aber auch nicht leicht – mit meinen Umständen sollen andere erstmal klarkommen“. Sicherlich spielen verschiedene Faktoren eine nicht unwesentliche Rolle, doch hat es mir persönlich sehr geholfen zu erkennen, dass sich die Welt eben nicht um mich dreht. Mein letzter Supermarktbesuch hat mir mal wieder ein Auf und Ab der Gefühle und Einsichten beschert, welche durch einen Aktionsstand eines Ginherstellers ausgelöst wurden. Zusammengefasst scheint das Muster dahinter recht simpel:

Die Herausforderungen im Supermarkt lauern für Alkoholiker an jeder Ecke © Adobe Stock

Craving for Entertainment

Es ist Freitagabend, die Kollegen sind nach der Arbeit noch etwas trinken gegangen, ich hingegen habe keine Pläne und entscheide mich für einen Bummel durch einen ziemlich großen Supermarkt. Wie ein einsamer Wolf lasse ich mich durch die Gänge treiben. Brauchen tue ich eigentlich nichts. Vielleicht finde ich ein bisschen Inspiration zum Kochen oder eine neue Knabberei, welche sich später mit Netflix kombinieren ließe. Ganz abenteuerlich werde ich es mal wieder auf mich zukommen lassen, was der Einstieg ins Wochenende für mich bereithält.

Trigger Moment

Plötzlich erscheint ein Aktionsstand am Ende eines langen Ganges der in der Spirituosenabteilung mündet. Ich steuere direkt drauf zu, langsam, stets beobachtend ob ich ausweichen kann und will. Tatsächlich steigt der Puls von Meter zu Meter. Verrückt, denn diese Abteilung hat mich eigentlich noch nie in meiner Trockenheit verunsichert. Mit geballter Faust in der Tasche schiebe ich den Wagen weiter: Auf in den Kampf sozusagen. Ohne die junge Frau, die am Stand arbeitet direkt anzuschauen entgeht meinem Scharfsinn nichts. Lächelnd füllt sie Gin und Tonic in kleine Becher und tritt auf den Gang hervor, um die durstige Supermarktkundschaft zu versorgen. Na, ihr ist offensichtlich nicht bewusst, dass diese ganze Aktion hier unverantwortlich ist und was für einen Schaden sie anrichten kann – denke ich wütend. Gleich bin ich an der Reihe, ich werde bestimmt etwas sagen.

In the Gin-Zone

Plötzlich bekomme ich das Angebot direkt unter die Nase gehalten: Schnaps – umsonst – an einem einsamen Freitagabend. Unweigerlich zähle ich hier schon die Gründe auf, warum ich arme Kreatur hier Opfer meiner Umstände bin. Da ich aber nach 1,5 Jahren der Abstinenz routiniert und gefestigt bin schießt mir das „Nein Danke“ glücklicherweise sofort aus dem Mund. Automatisch gehe ich ganz langsam weiter, dabei wollte ich doch eine Wutrede halten und der Promoterin erklären, dass ich trockene Alkoholikerin bin und dass sie doch bitte vorsichtig sein solle, wen sie hier in Versuchung bringt und was das für Konsequenzen hätte.

Gestrandet an der Fischtheke

Ein paar Meter weiter parke ich meinen Wagen vor den geräucherten Makrelen und beobachte das perfide Vorgehen der Mitarbeiterin des Gin-Standes – wie kann sie nur?! Mein Puls rast und ich zücke mein Handy um unauffällig ein „Beweisfoto“ zu schießen. Dieses schicke ich dann auch sogleich meinem Mentor damit endlich jemand erkennt aus welch einer Gefahrensituation ich hier gerade entkommen bin. Ich verbringe noch eine ganze Weile in Sichtweite, warte auf Antwort und ringe mit mir darum, ob ich nochmal zurückzugehen sollte um die Promoterin „aufzuklären“. Doch es passiert nichts: Sie schenkt aus, die Kundschaft trinkt – das ist das Business. Sicherlich sie nur eine Studentin die ihren Job macht, für jemanden, der nur seinen Job macht und so weiter. Am Ende ist es einfach meine Entscheidung wie viel Zeit ich hier noch wütend neben den Makrelen verbringen möchte.

Süßes Happy End

Mein Shoppingtrip endet mal wieder bei meinen guten neuen Freunden Ben und Jerry und deren köstlicher Eiscreme. Vanille und Karamell besänftigen mich und mir wird klar, dass meine großen Entscheidungen in der weiten Welt nicht unbedingt von Bedeutung sind. Mein Entschluss nicht mehr zu trinken hat meine Welt um 180 Grad gedreht – die der anderen hingegen wohl kaum. Egal wie lange wir schon abstinent leben, am Ende können wir uns nicht immer in Watte packen und der Realität entfliehen. Wir müssen lernen, dass es bestimmte Stolpersteine gibt und früher oder später kommt man mit seinem Einkaufswagen nicht drum herum.

2 Antworten auf „Alkohol im Supermarkt: Die Welt wird sich für dich nicht ändern“

  1. Sehr gute Beschreibung, genau so sieht es aus.Ich möchte noch hinzufügen das unsere heutige Gesellschaft viel zu leichtsinnig mit der “Verharmlosung” des Thema Alkohol umgeht.Der Kölner Express schrieb auf der Titelseite “Kölsch ist gesund”.Klar müssen wir mit dem täglichen Kontakt im Leben umgehen,aber ein wenig weniger Werbung, positive Berichterstattung und/oder Rücksicht, wäre sinnvoll.

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